Wenn die Hormone verrückt spielen

 

Scherzhaft werden schlechte Laune, Heißhungerattacken und ebenso ‚Schmetterlinge im Bauch‘ den kleinen Botenstoffen im Körper zugeschrieben. Und damit liegt man nicht ganz falsch, doch Hormonschwankungen sollten nicht immer auf die leichte Schulter genommen werden.

Was haben allgemeine Stoffwechselvorgänge wie die Regulierung des Blutdrucks oder ein intakter Tag-Nacht-Rhythmus sowie Gefühle wie Glück, Angst oder Hunger miteinander gemein?1 Sowohl Prozesse den Körper betreffend als auch unser emotionales Spektrum und in weiterer Folge unsere Psyche sind untrennbar mit biochemischen Botenstoffen, den sogenannten Hormonen, verbunden.2

Enorme Wirkungsweise der kleinen Stoffe

Sie sind, wie bereits angedeutet, an zahlreichen innerphysischen Vorgängen maßgeblich beteiligt und nehmen unweigerlich Einfluss auf unsere Gefühlswelt.3 Gebildet von den auf den ganzen Körper verteilten endokrinen Drüsen und Organen4 gelangen Hormone in den Blutkreislauf, um an den für den jeweiligen Botenstoff vorgesehenen Stellen – den Rezeptoren – anzudocken und um einen expliziten Befehl zu erteilen.5

Heute kennt die Wissenschaft etwa 100 verschiedene Hormone mit den spezifischen Wirkungsweisen im Körper; ausgegangen wird aber davon, dass mindestens 1.000 Botenstoffe (unbemerkt) für einen reibungslosen Stoffwechselprozess sorgen.6 So ist es auch nicht verwunderlich, dass bereits kleinste Störungen in diesem komplexen System verschiedenste Krankheitsbeschwerden zur Folge haben und vor allem die psychische Gesundheit massiv gefährden können.

Hormonelle Veränderungen bei psychischen Erkrankungen

Die an der Universität Zürich tätige Psychologieprofessorin Ulrike Ehlert weiß nämlich, dass Hormone „bei sehr vielen psychischen Erkrankungen eine ganz wichtige Rolle spielen“7. Häufig können diverse Botenstoffe mit verschiedenen Krankheitsbildern aufgrund beobachtbarer hormoneller Veränderungen in Verbindung gebracht werden.8 Ein entsprechender Überschuss oder ein Mangel lässt somit auch Rückschlüsse auf psychische Beschwerden zu, die es deswegen genauer zu betrachten gilt.

Stresshormone – nützliche Botenstoffe mit gefährlicher Wirkung

In körperlichen und seelischen Stresssituationen werden besonders die Hormone Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Sie sorgen innerhalb weniger Augenblicke für einen Alarmzustand der Nerven, des Gehirns und des Kreislaufs – Energie wird also freigesetzt. Diese Wirkung ist auch positiv zu bewerten, da die Reaktionsfähigkeit gesteigert und gleichzeitig die Schmerzempfindlichkeit gesenkt wird. Bleibt der Körper aber dauerhaft in diesem ‚angespannten‘ Modus, führt dies zu chronischem Stress mit Symptomen wie Angst- und Panikzuständen sowie Schweißausbrüchen und in weiterer Folge zu einer körperlichen/psychischen Überlastung bis hin zu Depressionen.9

Auch Cortisol sorgt für die eben genannten positiven Reaktionen in fordernden Situationen, doch dabei gilt ebenso, eine andauernde Hormonausschüttung zu verhindern, um das seelische Wohlbefinden aufrechtzuerhalten.10 Beobachtet werden konnte nämlich, dass bei „Depressionen, Suchtmittelabhängigkeit oder Essstörungen […] der Kortisolspiegel bei den Betroffenen viel zu hoch ist“11, wie Ehlert erklärt.

Um überschüssige Stresshormone zu reduzieren, wird deswegen empfohlen, anhaltenden Stress zu vermeiden. „Entspannungsverfahren wie autogenes Training oder Yoga zum Beispiel tragen dazu bei, dass die Atmung ruhiger wird, dass weniger Adrenalin und andere Stresshormone freigesetzt werden“12, so Ehlert. Auch Psychotherapie kann laut ihr dabei helfen, Stress zu reduzieren: „Sie führt zu einer veränderten Stresswahrnehmung und damit indirekt zu einer Verringerung der Stresshormonfreisetzung“13.

Neben der Vermeidung von zu vielen Stresshormonen mit weitreichenden Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit sorgen aber andere Hormone wiederum für mehr seelisches Wohlbefinden.

Doch es ist nicht immer leicht, glücklich zu sein.

In Bezug auf glücklich machende Hormone sind vor allem Serotonin, Dopamin und Oxytocin bekannt. Besonders ein intakter Serotoninspiegel sorgt für die Aufrechterhaltung des eigenen Wohlbefindens, regelt aber auch den gesunden Schlaf- und Wachrhythmus.14

Weil Serotonin als ‚Gute-Laune-Hormon‘ gilt, kann ein diesbezüglicher Hormon-Mangel Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben, denn Menschen, die beispielsweise an Depressionen leiden, weisen einen sehr niedrigen Serotoninspiegel auf.15

Des Weiteren hängen zwei andere Hormone eng mit der persönlichen Gefühls- und Stimmungslage zusammen: Dopamin wirkt wie Serotonin positiv auf das Gemüt; ein diesbezüglicher Mangel bzw. eine unterdrückte Hormonausschüttung kann bei Menschen festgestellt werden, die an Depressionen oder Angststörungen leiden. Und weil Oxytocin – das sogenannte ‚Kuschelhormon‘ – vor allem im Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen von Wichtigkeit ist (es wird beispielsweise beim Stillen des Kindes freigesetzt, wodurch die Mutter-Kind-Beziehung gestärkt wird), leiden einsame Menschen oder Menschen mit Liebeskummer oftmals an einem Mangel des Hormons.16

Den Hormonhaushalt stabilisieren

Demzufolge müssen sowohl Überschüsse als auch Mangelerscheinungen an spezifischen Hormonen vermieden werden, um zur langfristigen Aufrechterhaltung der psychischen Gesundheit beizutragen. Und obwohl entsprechende Schwankungen aufgrund von privaten oder beruflichen Stresssituationen sowie zwischenmenschlichen Konflikten nicht zu umgehen sind und sich diese hormonellen Unstimmigkeiten durch Stimmungsschwankungen wie eine gedrückte Stimmungslage oder durch Heißhungerattacken bemerkbar machen, können doch einige Tipps und Tricks zur Regulierung des Hormonhaushaltes beitragen:17

  • Ausreichend Schlaf
    Während wir schlafen, erholt sich der Körper von den Strapazen des Tages und bildet dabei viele Botenstoffe, die für einen intakten Hormonhaushalt von Wichtigkeit sind.
  • Gesunde Ernährung für ein hormonelles Gleichgewicht
    Eine ausgewogene und ballaststoffreiche Ernährung hilft bei der notwendigen Zufuhr von wichtigen Nährstoffen und trägt somit auch zur Aufrechterhaltung bzw. Verbesserung des Hormonhaushaltes bei.
  • Sport und Bewegung machen glücklich
    Physische Anstrengung bringt die Freisetzung glücklich machender Hormone mit sich.
  • Stress vermeiden
    Damit nicht zu viele Stresshormone ausgeschüttet werden, sollte der Alltag nicht von Hektik bestimmt werden. Auch Aufputschmittel wie Koffein oder Nikotin schaden dem Hormonhaushalt und sind damit unnötige Stressfaktoren.
  • Umweltschadstoffe, Strahlenbelastung und Medikamente reduzieren
    Die Schilddrüse wird bei großer Schadstoff- und Strahlenbelastung sowie bei der Arzneimitteleinnahme (vor allem bei jenen Medikamenten, welche Hormone enthalten) stark beansprucht und kann hinsichtlich der ordnungsgemäßen Bildung von Hormonen aus dem Gleichgewicht geraten. Somit gilt hier ebenso die Reduktion auf ein Minimum.

Deutlich wird, dass die kleinen biochemischen Botenstoffe das körperliche und seelische Wohlbefinden stark beeinflussen. Gemäß den Ausführungen ist es also von großer Wichtigkeit, auf einen intakten Hormonhaushalt zu achten, indem störende Aspekte verringert bzw. gänzlich vermieden werden. Dadurch wird einer unkontrollierten Hormonausschüttung entgegengewirkt und in weiterer Folge die körperliche und psychische Gesundheit unterstützt bzw. gefördert.

 


1 Vgl. Hennig, Jürgen / Netter, Petra: Hormone. In: spektrum.de/lexikon.
URL: https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/hormone/6692 [Stand: 02.02.2022] und
vgl. Wild, Julia: Wie Biochemie die Psyche beeinflusst. In: minimed.at. Veröffentlicht am 15.09.2014.
URL: https://www.minimed.at/medizinische-themen/psyche/biochemie-psyche-beeinflussung/ [Stand. 02.02.2022].

2 Vgl. o.A.: Hormone. In: gesundheit.de.
URL: https://www.gesundheit.de/medizin/untersuchungen/hormone [Stand: 02.02.2022].

3 Vgl. o.A.: Hormone: Kleine Boten, große Wirkung. In: GEOlino Extra Nr. 59/2016.
URL: https://www.geo.de/geolino/mensch/17022-rtkl-der-menschliche-koerper-hormone-kleine-boten-grosse-wirkung [Stand: 02.02.2022].

4 Zu den endokrinen Drüsen bzw. Organen gehören die Hirnanhangsdrüse, die Zirbeldrüse, der Hypthalamus die Schilddrüse, die Bauchspeicheldrüse, die Nebennieren sowie der Eierstock bei Frauen bzw. die Hoden bei Männern.
Vgl. dazu o.A.: endokrine Organe. Lexikon. In: wissen.de.
URL: https://www.wissen.de/medizin/endokrine-organe [Stand: 04.02.2022].

5 Vgl. o.A.: Hormone: Kleine Boten, große Wirkung.
URL: https://www.geo.de/geolino/mensch/17022-rtkl-der-menschliche-koerper-hormone-kleine-boten-grosse-wirkung [Stand: 02.02.2022].

6 Vgl. Wengel, Andrea: Hormone. In: planet-wissen.de. Veröffentlicht am 17.11.2021.
URL: https://www.planet-wissen.de/natur/anatomie_des_menschen/hormone/index.html [Stand: 02.02.2022].

7 Hauschild, Jana: „Niemand nimmt ungestraft Hormone ein“. In: spektrum.de. Veröffentlicht am 18.12.2020.
URL: https://www.spektrum.de/news/was-den-hormonhaushalt-beeinflusst/1784171 [Stand: 02.02.2022].

8 Vgl. Apfel, Petra: Stress, Glück, Liebe – Hormone diktieren, war wir empfinden. In: focus.de. Veröffentlicht am 29.06.2015.
URL: https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/hormone/hormone-die-heimlichen-herrscher-im-koerper-teil-5-stress-glueck-liebe-hormone-diktieren-was-wir-empfinden_id_4769840.html [Stand: 02.02.2022] und
vgl. Apfel, Petra: Zu viel, zu wenig – der Gemütszustand hängt von der Hormonmenge ab. In: focus.de. Veröffentlicht am 29.06.2015.
URL: https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/hormone/hormone-die-heimlichen-herrscher-im-koerper-teil-5-der-hormonspiegel-entscheidet-ueber-den-gemuetszustand_id_4769923.html [Stand: 02.02.2022].

9 Vgl. o.A.: Katecholamine. In: apoteken-umschau.de. Aktualisiert am 09.10.2014.
URL: https://www.apotheken-umschau.de/krankheiten-symptome/diabetes/lexikon/katecholamine-809481.html [Stand: 02.02.2022],
vgl. Apfel, Petra: Stress, Glück, Liebe – Hormone diktieren, war wir empfinden.
URL: https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/hormone/hormone-die-heimlichen-herrscher-im-koerper-teil-5-stress-glueck-liebe-hormone-diktieren-was-wir-empfinden_id_4769840.html [Stand: 02.02.2022] und
vgl. Wild, Julia: Wie Biochemie die Psyche beeinflusst.
URL: https://www.minimed.at/medizinische-themen/psyche/biochemie-psyche-beeinflussung/ [Stand. 02.02.2022].

10 Vgl. Voos, Dunja: Cortisol: Das Stresshormon. In: apotheken-umschau.de. Aktualisiert am 30.03.2017.
URL: https://www.apotheken-umschau.de/diagnose/laborwerte/cortisol-das-stresshormon-740779.html [Stand: 02.02.2022].

11 Hauschild, Jana: „Niemand nimmt ungestraft Hormone ein“.
URL: https://www.spektrum.de/news/was-den-hormonhaushalt-beeinflusst/1784171 [Stand: 02.02.2022].

12 Hauschild, Jana: „Niemand nimmt ungestraft Hormone ein“.
URL: https://www.spektrum.de/news/was-den-hormonhaushalt-beeinflusst/1784171 [Stand: 02.02.2022].

13 Hauschild, Jana: „Niemand nimmt ungestraft Hormone ein“.
URL: https://www.spektrum.de/news/was-den-hormonhaushalt-beeinflusst/1784171 [Stand: 02.02.2022].
Lesen Sie außerdem mehr zum Thema Stressbewältigung in unserem Blogbeitrag „Strategien zur Stressbewältigung im Alltag“ »» vom 29.09.2021.

14 Vgl. Wild, Julia: Wie Biochemie die Psyche beeinflusst.
URL: https://www.minimed.at/medizinische-themen/psyche/biochemie-psyche-beeinflussung/ [Stand. 02.02.2022].

15 Vgl. Wild, Julia: Wie Biochemie die Psyche beeinflusst.
URL: https://www.minimed.at/medizinische-themen/psyche/biochemie-psyche-beeinflussung/ [Stand. 02.02.2022] und vgl. Apfel, Petra: Zu viel, zu wenig – der Gemütszustand hängt von der Hormonmenge ab. URL: https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/hormone/hormone-die-heimlichen-herrscher-im-koerper-teil-5-der-hormonspiegel-entscheidet-ueber-den-gemuetszustand_id_4769923.html [Stand: 02.02.2022].

16 Vgl. Wild, Julia: Wie Biochemie die Psyche beeinflusst.
URL: https://www.minimed.at/medizinische-themen/psyche/biochemie-psyche-beeinflussung/ [Stand. 02.02.2022]

17 Vgl. Befuss, Katharina: Hormonhaushalt regulieren: Die besten natürlichen Tipps. In: praxistipps.focus.de. Veröffentlicht am 10.08.2020.
URL: https://praxistipps.focus.de/hormonhaushalt-regulieren-die-besten-natuerlichen-tipps_123414 [Stand: 03.02.2022] und
vgl. Rehberg, Carina: Vier Ursachen von Hormonstörungen. In: zentrum-der-gesundheit.de. Veröffentlicht am 12.12.2021.
URL: https://www.zentrum-der-gesundheit.de/krankheiten/frauenkrankeiten/weitere-frauenerkrankungen/hormonstoerung [Stand: 03.02.2022].

Bildhinweis: Adobe Stock

Veröffentlicht am: 02.03.2022