Sozialpsychiatrie – Erklärende Betrachtung eines abstrakten Begriffs

 

Worüber wird eigentlich gesprochen, wenn von Sozialpsychiatrie die Rede ist? Welche Arbeitsfelder beinhaltet sie und welche Intentionen verfolgt das Wissenschaftsgebiet in der Praxis? – Eine kurze Einführung in diesen Themenkomplex gibt Aufschluss.

Immer wieder taucht der Begriff der Sozialpsychiatrie auf. Und man weiß, dass diese etwas mit der medizinischen Fachdisziplin der Psychologie zu tun hat, in weiterer Folge auch die Psychiatrie umfasst, welche sich im Allgemeinen mit Erkrankungen der Psyche auseinandersetzt sowie mit deren Behandlung.

Aber im allgemeinen Kontext wissen viele dabei nicht, was Sozialpsychiatrie eigentlich meint.

Beschäftigen wir uns zunächst mit der Wortzusammensetzung: Wirft man einen Blick auf das Adjektiv ‚sozial‘, so assoziiert man damit im ersten Moment etwas Positives, nämlich Gemeinwohl, gesellschaftliche Zugehörigkeit oder die gesellschaftliche Ganzheit im Allgemeinen. Und in Kombination mit der vorangegangenen Erläuterung zu Psychiatrie?

Unter Sozialpsychiatrie versteht man „jene Wissenschaft, die sich mit der Bedeutung von sozialen, kulturellen und anderen Umgebungsfaktoren für seelische Gesundheit und Krankheit befasst“1. Die Sozialpsychiatrie betreibt demnach Ursachenforschung. Das bedeutet, sie stellt Fragen dahin gehend, wie bzw. durch welche sozialen Faktoren eine psychische Erkrankung entsteht und welche sozialen Folgen eine solche Beeinträchtigung nach sich zieht. Demgemäß ist die Sozialpsychiatrie auch als ein sozialmedizinisches Teilgebiet der Psychiatrie aufzufassen: Ausgegangen wird davon, dass psychische Erkrankungen in vielen Fällen auf das soziale Umfeld zurückzuführen sind, weswegen dieses in der Diagnostik und Behandlung miteinbezogen und genauer betrachtet wird.2 In der praktisch orientierten Sozialpsychiatrie ist auch von Relevanz, dass Betroffene keinen längeren psychiatrischen Aufenthalt zwingend benötigen, sondern im Rahmen der Gemeindepsychiatrie in vertrauter Umgebung die bestmögliche Versorgung wie beispielsweise durch Beratungsstellen, Arbeitsangebote oder Tagesstätten bekommen.3 Mit dieser Methode bleiben/werden Menschen mit psychischen Erkrankungen auch sozial integriert.

Eine Problematik stellt nämlich die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen und in weiterer Folge von Betroffenen dar.

Da psychische Krankheiten für gesunde Menschen keine sichtbaren Merkmale aufweisen, erfolgt eine negative Konnotation erst dann, wenn die Erkrankung ins öffentliche Bewusstsein rückt. So äußeren sich Depressionen, die Schizophrenie oder Angstzustände nur durch Symptome, nicht jedoch durch einen bestimmten, physisch auffälligen Anhaltspunkt wie es beispielsweise bei einer Erkältung mit Husten und Schnupfen der Fall ist. Deswegen können viele auch nicht nachvollziehen, warum eine Person mit Depressionen morgens nur schwer oder gar nicht aus dem Bett kommt, oder wieso Menschen mit Schizophrenie beispielsweise Stimmen wahrnehmen, die gesunde Personen nicht hören.

Aufgrund des nicht Greifbaren und damit Unbekannten empfinden viele Unverständnis für Betroffene und reagieren auf die Offenbarung, unter einer psychischen Erkrankung zu leiden, oftmals auch skeptisch. Die Sozialpsychiatrie leistet dahin gehend nun wichtige Aufklärungsarbeit, um diese negativen Zuschreibungen zu entlarven und um Stigmata abzubauen. Neben der Erkrankung sehen sich Betroffene aufgrund der negativen Zuschreibungen nämlich häufig mit solchen Vorurteilen und Stereotypen konfrontiert, die zur Ausgrenzung führen. Und diese soziale Einschränkung bewirkt in weiterer Folge existenzielle Probleme.

Betroffene sollen jedoch dieselben sozialen Chancen haben wie gesunde Menschen.

Denn ein weiteres wesentliches Problem, welches mit einer psychischen Erkrankung einhergeht, ist ein soziales Ungleichgewicht zwischen kranken und gesunden Personen. Weg vom psychologistischen Reduktionismus – Menschen mit psychischen Problemen wurden bis zur Begründung der Sozialpsychiatrie in den 60er/70er Jahren von ihrer Lebenswelt getrennt und somit auch institutionell ausgegrenzt –4 versucht man im Rahmen einer praktisch orientierten Sozialpsychiatrie, einerseits das psychische Wohlbefinden zu verbessern, was mit einer Verminderung des psychischen Leides einhergehen soll, und dabei andererseits das soziale Netzwerk zur Unterstützung und Realisierung dieses Vorhabens miteinzubeziehen.5 Mit der Sozialpsychiatrie fand demnach eine große Entwicklung statt: Personen mit psychischen Erkrankungen werden nicht mehr ‚verwahrt‘, um sich gesundheitlich zu stabilisieren, sondern auch sozial integriert und rehabilitiert.

Und die soziale Rehabilitation passiert unter anderem mittels eines entsprechenden Angebotes in unmittelbarer Umgebung.

Dieses umfasst dabei nicht nur eine adäquate therapeutische Behandlung zur Ursachenforschung und Verbesserung des Krankheitsbildes, sondern auch einen für alle Menschen möglichen Zugang zu sozialen und beruflichen Rehabilitationsmaßnahmen. Und dieser einfache Zugang ist auch notwendig, denn wie stark die Verbreitung von psychischen Krankheiten voranschreitet, lässt sich anhand aktueller Zahlen abbilden: Psychische Erkrankungen stellen weltweit die häufigsten Krankheitsbilder in der Bevölkerung dar; im Laufe des Lebens leidet jede zweite Person an einer psychischen Erkrankung;6 alleine in Europa sehen sich 25 % der Bevölkerung jährlich mit einer Depression oder mit Angstzuständen konfrontiert; 50 % der Europäer*innen mit schweren Depressionen werden nicht behandelt.7

Aufgrund dieser Datenlage scheint es verwunderlich, dass psychische Erkrankungen noch immer nicht als ernstzunehmende Krankheiten anerkannt und sogar stigmatisiert werden. Umso wichtiger ist es, dass Betroffene im Rahmen der Sozialpsychiatrie die für sie notwendige Behandlung erhalten und auch in diesem Kontext weiterhin Aufklärungsarbeit forciert wird, damit eine bestmögliche gesundheitliche und soziale Stabilisierung erzielt werden kann.

 


1 Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien – Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie: Was ist Sozialpsychiatrie?
URL: https://www.meduniwien.ac.at/hp/sozialpsychiatrie/allgemeine-informationen/was-ist-sozialpsychiatrie/ [Stand: 29.12.2020].

2 Vgl. Academic: Sozialpsychiatrie. In: deacademic.com.
URL: https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/1307193 [Stand: 13.01.2021].

3 Vgl. Academic: Sozialpsychiatrie. In: deacademic.com.
URL: https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/1307193 [Stand: 13.01.2021].

4 Vgl. Keupp, Heiner: Gemeindepsychologie. In: Spektrum.de.
URL: https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/gemeindepsychologie/5669 [Stand: 29.12.2020].

5 Vgl. Keupp, Heiner: Gemeindepsychologie.
URL: https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/gemeindepsychologie/5669 [Stand: 29.12.2020].

6 Vgl. OECD: Mental Health.
URL: http://www.oecd.org/health/mental-health.htm [Stand: 29.12.2020].

7 Vgl. Weltgesundheitsorganisation (WHO): Depressionen in Europa: Fakten und Zahlen:
URL: https://www.euro.who.int/de/health-topics/noncommunicable-diseases/mental-health/news/news/2012/10/depression-in-europe/depression-in-europe-facts-and-figures [Stand: 29.12.2020].

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Veröffentlicht am: 13.01.2021