Psychotherapie als bereichernde Hilfestellung bei Krisen und Krankheiten

 

Der Mythos, dass eine Psychotherapie unter anderem ausschließlich für Menschen mit (schweren) psychischen Erkrankungen notwendig ist, hält sich hartnäckig. Wann eine Psychotherapie aber tatsächlich schon in Anspruch genommen werden sollte, welche Methoden zum Einsatz kommen und wie sich eine psychotherapeutische Behandlung im Generellen gestaltet – dies gilt es, genauer zu betrachten.

Mit einer Psychotherapie verbinden viele diverse Assoziationen, die nicht immer positiver Natur sind: Eine Therapie sei ein langwieriges Prozedere, welches zum einen horrende Kosten verursache und zum anderen selten dazu führe, dass Patient*innen sich danach besser fühlen geschweige denn sogar geheilt werden können. Und noch abwertender – Psychotherapie sei etwas für ‘Verrückte’. 1 Dieses Image zeigt, dass zu wenig Wissen darüber besteht, welche Ansätze in der Psychotherapie verfolgt, wie Ziele erarbeitet werden und wann eine Therapie tatsächlich notwendig ist. Vor allem aber verhindern diese und weitere Zuschreibungen negativer Art in vielen Fällen, dass sich Betroffene schnellstmöglich Hilfe holen.

Damit entsprechende Vorurteile widerlegt werden können, soll eingangs die Frage geklärt werden, was eine Psychotherapie im Grunde überhaupt ist:

Ein Genesungsprozess der Seele

Im Rahmen einer Psychotherapie – griechisch für ‘Seelenheilkunst’ –2 kommen verschiedenste Behandlungsarten zum Einsatz, die darauf abzielen, Krankheiten, Störungen oder diverse Leidenszustände die Seele betreffend zu diagnostizieren und zu lindern bzw. zu heilen. In Österreich werden 23 anerkannte Methoden angewendet, die als wissenschaftlich fundiert eingestuft sind. 3 Diese verschiedenen Arten können dabei in vier Richtungen eingeteilt werden:

  • Tiefenpsychologische Ansätze4
    Diese Form der Psychotherapie bedient sich den Theorien und Techniken der Psychoanalyse und fokussiert eine Vermittlung dahin gehend, welche Rolle verschiedene unbewusste Vorgänge auf das entsprechende Leiden haben können. So wird versucht, der Krankheitsursache auf den Grund zu gehen, indem beispielsweise mögliche ungelöste Konflikte offengelegt werden.
  • Verhaltenstherapie5
    Ausgegangen wird bei diesem Ansatz davon, dass das Verhalten – ob nun als normal definiert oder als eine Form, welche von den gesellschaftlichen Normen abweicht – einen Lernprozess darstellt. Die Verhaltenstherapie intendiert dabei das Verändern von angeeigneten dysfunktionalen Handlungs- bzw. Verhaltensmustern sowie das Erlernen und Trainieren neuer Verhaltensweisen.
  • Humanistische Therapieansätze6
    Diese Methoden sehen den Mensch als ganzheitliches Wesen, weswegen auch selbstregulierende Prozesse hinsichtlich Körper und Psyche im Vordergrund stehen. Fokussiert werden der harmonische Rückblick auf Vergangenes sowie das Eröffnen von möglichen Zukunftsperspektiven, um neue Ziele anstreben und auch erreichen zu können.
  • Familien- und Systemische Therapie7
    Bei diesem Ansatz steht das soziale Umfeld einer betroffenen Person im Vordergrund, welches hierbei als für die Störung ursächlich betrachtet wird. Nicht selten wird dabei auch das familiäre Umfeld in die Therapie miteinbezogen, um die Symptome der betroffenen Person zu lindern.

Unabhängig von der Erkrankung bzw. von der Symptomatik können die eben angeführten Methoden gleichermaßen zum Einsatz kommen, unterscheiden sich nur durch die differenzierte Herangehensweise. Außerdem werden im Zuge einer Psychotherapie vielfach mehrere Ansätze kombiniert angewendet, um das Therapieziel zu erreichen. Nr. 8

Wie gestaltet sich eine Psychotherapie im Generellen?

Der Erfolg einer Psychotherapie ist maßgeblich vom Verhältnis zwischen Patient*in und Psychotherapeut*in abhängig. Ein Erstgespräch soll in diesem Fall dazu dienen, sich gegenseitig kennenzulernen. In weiterer Folge wird abgeklärt, aus welchen Gründen die/der Patient*in eine Psychotherapie in Anspruch nehmen möchte (beispielsweise zur Linderung von Symptomen einer psychischen Erkrankung, wegen einer traumatischen Erfahrung oder aufgrund von akuten Lebenskrisen) und welche Erwartungen die/der Patient*in an die Therapie hat. Auch Rahmenbedingungen wie die anzuwendende Methode oder das Setting (Einzel-, Gruppen-, Paar-, oder Familientherapie), Häufigkeit der Sitzungen oder die Höhe des zu erwartenden Honorars werden einführend besprochen. Nr. 9

Konnten alle offenen Fragen beantwortet werden und fühlt sich die/der Patient*in mit der/dem Psychotherapeut*in wohl, so startet die Therapie auf Basis der Freiwilligkeit. Das bedeutet, dass die Therapie vonseiten der/der Patient*in jederzeit abgebrochen werden kann. Im Grunde sollte sich die/der Patient*in jedoch Zeit nehmen bzw. mehrere Psychotherapie-Sitzungen durchführen, um erste Erfolge zu erzielen. In der Regel stellen sich diese auch bereits nach wenigen Therapiestunden ein; es entspricht aber auch der Normalität, dass Phasen von Skepsis auftreten, weswegen es dann ganz besonders wichtig ist, dies der/dem Psychotherapeut*in mitzuteilen. Nr. 10

Eine Psychotherapie kommt dann zum Abschluss, wenn die eingangs festgelegten Ziele erreicht wurden oder nicht erreicht werden können. Somit ist die Dauer einer Psychotherapie in vielen Fällen eingangs nicht festgelegt, da je nach Symptomatik oder Erkrankung eine kürzere bzw. längere Psychotherapie vonnöten ist. Nr. 11

Welche Kosten kommen dabei auf die/den Patient*in zu?

Nicht selten hängt die Dauer einer Psychotherapie auch davon ab, ob diese finanziell leistbar ist: In Österreich sind freie, kostenlose Psychotherapie-Plätze stark begrenzt, weswegen mit Wartezeiten zu rechnen ist. In diesem Fall muss eine Selbsteinschätzung vorgenommen werden, ob die Krankheit bzw. die Krise ebenjene Wartezeit zulässt oder sofortiger Handlungsbedarf gegeben ist. Des Weiteren besteht auch die Möglichkeit einer teilweisen Kostenübernahme durch die Krankenkasse; abhängig von der jeweiligen Krankenkasse bekommen Patient*innen einen gewissen Betrag rückerstattet. 12 Im Generellen stellt sich jedoch die Frage, ab welchem Zeitpunkt eine Psychotherapie unabhängig von den Kosten zu einer Notwendigkeit wird, um die Symptome von Krankheiten und Störungen bestmöglich zu behandeln oder um seelische Krisen schnellstens zu meistern.

Wann wird eine Psychotherapie also tatsächlich erforderlich?

Eine Psychotherapie unterstützt nicht nur den Genesungsprozess von Menschen mit psychischen Erkrankungen, sondern sollte auch schon bei Anzeichen einer seelischen Überbelastung in den folgenden Fällen in Anspruch genommen werden:13

  • Körperliche Beschwerden ohne medizinische Ursache, beispielsweise bei Schlafstörungen, Schwindel, Schmerzen im Generellen oder Herzrhythmusstörungen,
  • Psychopharmaka wie Beruhigungs- oder Schlafmittel genauso wie Aufputschmittel werden regelmäßig eingenommen,
  • grundlose Angst- oder Panikzustände, die starkes Herzklopfen verursachen,
  • generelle Ängste, die belastend und einschränkend sind und beispielsweise dann auftreten, wenn man in Kontakt mit Mitmenschen oder Vorgesetzten tritt, welche sich in engen Räumen oder auf großen Plätzen bemerkbar machen oder wenn eine Prüfung bevorsteht,
  • Gedanken, die dem sozialen Umfeld nicht mitgeteilt werden möchten, beispielsweise Scham- oder Schuldgefühle, Hassgedanken, Verfolgungs- oder Fremdbestimmungsängste oder generelle Unzulänglichkeitsgefühle,
  • allgemeine Antriebs- und Lustlosigkeit sowie Erschöpfung und Überforderung,
  • Niedergeschlagenheit sowie Verlust der Lebensfreude,
  • Trauergefühle und Vereinsamung,
  • belastende Akut-Situationen, die nur schwer bewältigt werden können, wie eine plötzliche Erkrankung oder ein Todesfall im Angehörigenkreis, Arbeitslosigkeit, eine Scheidung, Trennung oder ein Unfall,
  • Suizidgedanken,
  • belastende Partnerschaft oder schwierige Familiensituation,
  • Suchtproblematik im Hinblick auf Alkohol, Drogen, Essen, Liebe oder Spielen,
  • innerer Zwang, Handlungen oder Gedanken wiederholen zu müssen,
  • Probleme mit der eigenen Sexualität.

So zeigt sich, dass eine Psychotherapie nicht erst im Hinblick auf die Behandlung einer psychischen Erkrankung, sondern schon im Vorfeld bei seelischem Ungleichgewicht notwendig wird, um das psychische Wohlbefinden mit professioneller Unterstützung wiederherzustellen. Und damit werden auch jene Vorurteile, eine Psychotherapie sei nur in dringenden oder akuten Fällen von psychischer Störung vonnöten, widerlegt. Denn mithilfe einer/eines umfassend ausgebildeten Therapeut*in eröffnen sich in vielen Fällen neue Perspektiven, die zur Problemlösung und Krisenbewältigung beitragen und nicht zuletzt Krankheitssymptome lindern bzw. Krankheitsbilder zur Gänze heilen.

Informationen zur Psychotherapie bzw. Hilfestellungen bei der Suche nach der/dem richtigen Psychotherapeut*in in Ihrer Umgebung erhalten Sie beispielsweise online unter

STLP – Steirischer Landesverband für Psychotherapie
https://www.stlp.at/

Netzwerk Psychotherapie Steiermark
https://www.psychotherapie-steiermark.net/

psyonline.athttps://www.psyonline.at/

 


1 Vgl. Asperger, Christian: Unsere Vorurteile gegenüber einer Psychotherapie. Aktualisiert am 17.09.2020.
URL: https://www.christianasperger.com/post/vorurteile [Stand: 22.10.2021].

2Vgl. Kriz, Jürgen: Psychotherapie. Lexikon der Psychologie. In: spektrum.de.
URL: https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/psychotherapie/12210 [Stand: 20.11.2021]

3 Vgl. Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie: Über Psychotherapie.
URL: https://www.psychotherapie.at/patientinnen/ueber-psychotherapie [Stand: 20.10.2021].

4Vgl. Kriz, Jürgen: Psychotherapie. Lexikon der Psychologie.
URL: https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/psychotherapie/12210 [Stand: 20.11.2021]
und vgl. bestNET: Psychotherapie-Thema – Tiefenpsychologischer Ansatz. In: psyonline.at.
URL: https://www.psyonline.at/methode/254/tiefenpsychologischer-ansatz [Stand: 22.10.2021].

5 Vgl. Kriz, Jürgen: Psychotherapie. Lexikon der Psychologie.
URL: https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/psychotherapie/12210 [Stand: 20.11.2021] und
vgl. bestNET: Psychotherapie-Thema – Verhaltenstherapeutischer Ansatz. In: psyonline.at.
URL: https://www.psyonline.at/methode/257/verhaltenstherapeutischer-ansatz [Stand: 22.10.2021].

6 Vgl. Kriz, Jürgen: Psychotherapie. Lexikon der Psychologie.
URL: https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/psychotherapie/12210 [Stand: 20.11.2021] und
vgl. bestNET: Psychotherapie-Thema – Existenzanalytischer Ansatz. In: psyonline.at.
URL: https://www.psyonline.at/methode/627/existenzanalytischer-ansatz [Stand: 22.10.2021].

7 Vgl. bestNET: Psychotherapie-Thema – Systemischer Ansatz. In: psyonline.at.
URL: https://www.psyonline.at/methode/224/systemischer-ansatz [Stand: 22.10.2021].

8 Vgl. bestNET: Psychotherapie-Methoden. In: psyonline.at.
URL: https://www.psyonline.at/contents/13405/psychotherapie-methoden [Stand: 22.10.2021].

9 Vgl. Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie: Ablauf einer Psychotherapie.
URL: https://www.psychotherapie.at/patientinnen/ablauf-einer-psychotherapie [Stand: 22.10.2021].

10 Vgl. Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie: Ablauf einer Psychotherapie.
URL: https://www.psychotherapie.at/patientinnen/ablauf-einer-psychotherapie [Stand: 22.10.2021].

11 Vgl. Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie: Ablauf einer Psychotherapie.
URL: https://www.psychotherapie.at/patientinnen/ablauf-einer-psychotherapie [Stand: 22.10.2021].

12 Vgl. Stezak, Benjamin: Finanzierung von Psychotherapie in Österreich. In: beratung.help. Aktualisiert am 26.03.2020.
URL: https://www.beratung.help/a/finanzierung-psychotherapie-oesterreich [Stand: 22.10.2021].

13 Vgl. Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie: Warum Psychotherapie.
URL: https://www.psychotherapie.at/patientinnen/warum-psychotherapie [Stand: 22.10.2021].

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Veröffentlicht am: 24.11.2021