Psychisch erschüttert – Traumata und ihre Bewältigung

 

Salopp wird immer wieder davon gesprochen, ein Trauma erlebt zu haben. Doch was genau ist ein Trauma wirklich? Wodurch wird es ausgelöst und wie kann es verarbeitet werden, bevor die Psyche dauerhaft betroffen ist?

Im Gespräch mit Vertrauten wird lachend über ein Kleidungsstück berichtet, welches man als Kind getragen hat und das schon zu damaligen Zeiten ungern angezogen wurde. Ein Trauma, wie es dann im Nachsatz heißt. Und damit weiß jede*r, dass dieses Kleidungsstück nachhaltig negativen Eindruck hinterlassen hat. Die umgangssprachliche Gebrauchsform von Trauma ist im Grunde ident mit der tatsächlichen Wortbedeutung, unterscheidet sich jedoch markant in der Ausformung und Wirkung des Erlebnisses.

Das Trauma als ‚Wunde‘

Werfen wir zunächst einen näheren Blick auf den Terminus selbst: ‚Trauma‘ kommt aus dem Griechischen und bezeichnet allgemein eine Wunde, ohne dabei festzulegen, wodurch diese hervorgerufen wurde. Während man damit in der Medizin eine körperliche Verwundung meint, die zum Beispiel durch einen Unfall oder eine Gewalteinwirkung entsteht,1 so versteht man in der Psychologie unter einem Psychotrauma eine starke psychische Verletzung, welche die Folge eines außergewöhnlich belastenden persönlichen Erlebnisses sein kann.

Forscher*innen gehen davon aus, dass zwischen 60 % und 90 % aller Menschen in ihrem Leben mindestens eine unerträgliche Situation überstehen müssen, in der sie körperlich oder seelisch dem Tode nahe oder in absolut existenzieller Not sind. Während rund zwei Drittel das Ereignis ohne langfristige Schäden überstehen, spürt etwa ein Drittel auch drei Monate danach psychische Folgeerscheinungen. Diese werden von Betroffenen zunächst aber gar nicht mit dem Ereignis direkt in Verbindung gebracht.2

Welche Erlebnisse wirken konkret traumatisch?

Traumatisierende Ereignisse umfassen Situationen von außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Ausmaß, die in einer ersten Reaktion bei fast jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung auslösen würden. Dazu zählen beispielsweise Naturkatastrophen, Unfälle und schwere Erkrankungen, schwere körperliche oder seelische Schmerzen, Vergewaltigung und Missbrauch, Kriege, Flucht und Vertreibung, Vernachlässigung oder auch das Miterleben von Bedrohung, Verletzung, Gewalt oder Tod von anderen (besonders nahestehenden) Personen.3 Dabei erleben Betroffene oft ein Gefühl der Ohnmacht und des Kontrollverlustes sowie große Angst. All das kann in weiterer Folge zu starken psychischen und/oder körperlichen Schmerzen führen. Was ein Mensch als traumatisierend erlebt, ist auch von der subjektiven Wahrnehmung abhängig, z.B. können bestimmte Ereignisse bei Kindern eher ein Gefühl des Ausgeliefertseins auslösen und als traumatisch erlebt werden als bei Erwachsenen. Auch der Anblick einer schwer verletzten Person kann auf Passant*innen traumatisch wirken, während er für Rettungskräfte meist zur Routine gehört und nicht traumatisch erlebt wird.4

Und wie wirkt sich ein Trauma speziell auf die Psyche aus?

Untersuchungen zeigen, dass das Gehirn direkt nach einem Trauma durch die Überreaktion verändert ist. So haben Betroffene das Gefühl, nicht mehr zur Ruhe kommen zu können, da das Gehirn auf Dauerbereitschaft eingestellt ist, um vor einem erneuten Trauma zu schützen. Die Folgen können Schlafstörungen, Albträume und Konzentrationsstörungen sein. Situationen, die Betroffene an das Trauma erinnern oder die zu einer erneuten Traumatisierung führen können, werden sodann vermieden, um so zu versuchen, sich selbst zu schützen und die Angst zu kontrollieren.5

Zudem hat das Gehirn während des Traumas auf ‚Notbetrieb‘ umgeschaltet, um das Überleben zu sichern. Umgebungsreize und Geräusche werden weiterhin wahrgenommen, weswegen sich Betroffene im Anschluss an das Erlebte beispielsweise durch Gerüche erinnern können. Anderen fehlt aber auch die Erinnerung an das Trauma an sich, weil sich das Gehirn durch das Vergessen vor den traumatischen Erinnerungen zu schützen versucht. Durch eine fehlende Verarbeitung dieser Erinnerungen kann es jedoch passieren, dass Gerüche, Gefühle, Bilder oder auch Geräusche, welche mit dem Trauma in Verbindung stehen, aktiv in das jetzige Erleben eindringen. Die Folge: Sie versetzen die/den Betroffene*n in jene traumatische Situation zurück, was meist Panik und Angstzustände auslöst. Diese sogenannten ‚Intrusionen‘ treten vermehrt abends oder nachts in Form von Albträumen auf, was wiederum dazu führt, dass Betroffene Angst vor dem Schlafen haben und es somit vermeiden.6

Wenn das belastende Erlebnis von einer Person nicht ausreichend bewältigt werden kann und die Unterstützung in ihrem Umfeld nicht gegeben ist, können die Folgen so beeinträchtigend sein, dass psychische Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen, Angst- und Suchterkrankungen, somatoforme Störungen, dissoziative Störungen, akute Belastungsreaktionen, posttraumatische Belastungsstörungen sowie Anpassungsstörungen entstehen.7

Was können Betroffene also tun, um belastende Erlebnisse möglichst gut zu bewältigen?

Vorrangig sollte nach einem traumatischen Ereignis die größtmögliche Sicherheit wiederhergestellt werden. Vertraute Personen können dabei unterstützen, mit der erlebten Extremsituation umzugehen. Ihnen vom Erlebten zu erzählen, wirkt erleichternd und kann die Bewältigung fördern.8 Wer in den ersten Tagen und Wochen nach dem belastenden Ereignis jedoch weiterhin stark unter den Folgen leidet, sollte zusätzlich ärztliche oder psychologische/psychotherapeutische Hilfe aufsuchen, um das Trauma verarbeiten zu können.9

Bei Unfällen und größeren Notlagen helfen auch Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste dabei, Traumata zu überwinden. Für die seelische Unterstützung während oder kurz nach solchen Ereignissen stehen vielerorts Einsatzkräfte der Psychosozialen Notfallversorgung wie z.B. das Kriseninterventionsteam zur Verfügung. Bei Gewalt durch Fremde oder innerhalb von Beziehungen bzw. Familien können sich Betroffene neben der Polizei auch an professionelle Dienste spezieller Einrichtungen wie beispielsweise Frauenhäuser, Gewaltschutzzentren oder Jugendämter wenden.10

Diverse steirische Einrichtungen bieten entsprechende Hilfsangebote zur Verarbeitung von solchen Extremsituationen an; diese Maßnahmen sollten auch dringend in Anspruch genommen werden, um traumatische Erfahrungen schnellstmöglich zu bewältigen, womit schweren psychischen Erkrankungen vorgebeugt werden kann:

KIT: Kriseninterventions-Team Steiermark für psychosoziale Akutberatung
Telefon: 130
bei akuten Krisen und Notfallsituationen
Erreichbarkeit rund um die Uhr und kostenlos

Telefonseelsorge
Telefon: 142
kostenlose Beratung rund um die Uhr

Frauenhäuser Steiermark
Telefon: +43 316 42 99 00
Erreichbarkeit rund um die Uhr

Frauen-Notruf
Telefon: +43 316 42 99 00
Erreichbarkeit rund um die Uhr

Männer-Notruf
Telefon: 0800 246 247
Erste Anlaufstelle für Männer in Krisen- und Gewaltsituationen
Erreichbarkeit rund um die Uhr

Männerberatung Steiermark
Telefon: +43 316 83 14 14
Erreichbarkeit von Montag bis Freitag zwischen 10:00 und 12:00 Uhr sowie Dienstag und Donnerstag auch von 16:00 bis 18:00 Uhr

Gewaltschutzzentrum Steiermark – Hilfe für Opfer von Gewalt
Telefon: +43 316 77 41 99
Erreichbarkeit von Montag bis Donnerstag zwischen 08:00 und 16:00 Uhr, Freitag von 08:00 bis 13:00 Uhr; in dringenden Fällen telefonische Erreichbarkeit bis 22:00 Uhr

Opferhilfe Steiermark – Weißer Ring
Opfer-Notruf: 0800 112 112
Telefon: +43 699 134 34 020
Erreichbarkeit am Montag von 10:00 bis 13:00 Uhr sowie Dienstag bis Freitag von 08:00 bis 11:00 Uhr

LKH Graz II, Standort Süd
Telefon: +43 316 2191 0

Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin
Telefon Ambulanz: +43 316 385 13616

SMZ Liebenau – Sozialmedizinisches Zentrum
Telefon: +43 316 46 23 40
Journaldienst jeden Donnerstag von 17:00 bis 19:00 Uhr

NADUA – Trauma & Dissoziation im Zentrum
Kontakt: office@nadua.at

 


1 Vgl. Kluge, Friedrich: Trauma. In: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage. Berlin / New York: Walter de Gruyter 2001.

2 Vgl. Huber, Michaela: Trauma und die Folgen. Trauma und Traumabehandlung – Teil 1. Paderborn: Junfermann 2020.

3 Vgl. Dilling, H. / Mombour, W. / Schmidt, M. H.: Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien. Weltgesundheitsorganisation. Bern: Huber 1991.

4 Vgl. Essau, C.A. / Conradt, J. / Petermann, F.: Häufigkeit der Posttraumatischen Belastungsstörung bei Jugendlichen: Ergebnisse der Bremer Jugendstudie. In: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 27/1999, S. 37-45.

5 Vgl. Reinecker, Hans (Hrsg.): Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie. Modelle psychischer Störungen. Göttingen: Hogrefe 2003.

6 Vgl. Huber, Michaela: Trauma und die Folgen. Trauma und Traumabehandlung – Teil 1. Paderborn: Junfermann 2020.

7 Vgl. Reinecker, Hans (Hrsg.): Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie. Modelle psychischer Störungen. Göttingen: Hogrefe 2003.

8 Vgl. psychenet – Netz psychische Gesundheit: Trauma. Zuletzt bearbeitet am 07.07.2020.
URL: https://www.psychenet.de/de/psychische-gesundheit/themen/trauma.html [Stand: 09.03.2021].

9 Vgl. psychenet – Netz psychische Gesundheit: Trauma. Zuletzt bearbeitet am 07.07.2020.
URL: https://www.psychenet.de/de/psychische-gesundheit/themen/trauma.html [Stand: 09.03.2021].

10 Vgl. psychenet – Netz psychische Gesundheit: Trauma. Zuletzt bearbeitet am 07.07.2020.
URL: https://www.psychenet.de/de/psychische-gesundheit/themen/trauma.html [Stand: 09.03.2021].

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Veröffentlicht am: 07.04.2021