Emotional verbunden – Empathie
Einfühlungsvermögen ist unerlässlich für solide und langanhaltende soziale Beziehungen. Dabei gilt aber, stets das richtige Maß an Empathie an den Tag zu legen.
Der beste Freund berichtet niedergeschlagen und mit Tränen in den Augen von der Trennung von der langjährigen Partnerin; die große Schwester erzählt voller Begeisterung, dass sie endlich befördert wurde. In beiden Fällen fällt es uns in der Regel nicht schwer, nachzuempfinden, wie es dem Gegenüber geht, und wir reagieren vielleicht sogar ebenso mit Trauer bzw. Euphorie auf entsprechende Nachrichten. Dass wir uns in die Gefühlswelt unserer Mitmenschen hineinversetzen können, verdanken wir unserer Empathie-Fähigkeit.
Mitfühlen, aber abgrenzen
Und diese Eigenschaft ist essenziell in zwischenmenschlichen Beziehungen, „förderlich für nahe soziale Beziehungen und damit ein vorrangiges Mittel, Gruppenzusammenhalt herzustellen“1, erklärt der deutsche Psychiater Thomas Fuchs von der Universität Heidelberg. Er fasst zusammen: „Sie ist so etwas wie der Klebstoff“2, denn ohne diese Fähigkeit seien Menschen nicht dazu in der Lage, miteinander umzugehen und zu kooperieren.3 Zwar bedeutet Empathie, dass wir mit unseren Mitmenschen mitfühlen und uns emotional in sie hineinversetzen bzw. deren Gefühlslage nachvollziehen können, aber dennoch ist Empathie vom Mitgefühl sowie von der emotionalen Ansteckung abzugrenzen – sind wir empathisch, dann machen wir uns die Gefühle und Gedanken anderer im Normalfall nämlich nicht zu eigen.4 Uns bleibe also „stets bewusst, dass es sich um die Gefühle oder Absichten der anderen handelt“5, wie Fuchs ausführt. Wir würden „die eigenen Gefühle für eine Weile“6 lediglich unterdrücken, „um uns auf andere zu konzentrieren“7, ergänzt der an der TU Dresden tätige Psychologe Philipp Kanske. Zusammengefasst – wir versetzen uns in die Lage unseres Gegenübers, sind uns aber dessen bewusst, dass diese Emotionen nicht den eigenen Gemütszustand widerspiegeln.


Diese Art des Einfühlungsvermögens wird als emotionale Empathie bezeichnet. Daneben gibt es noch zwei weitere Varianten, nämlich die kognitive und die soziale Empathie: Bei Ersterer verstehen wir nicht nur die Gefühle unserer Mitmenschen, sondern auch deren Gedanken und Absichten – wir erkennen, was in deren Köpfen vor sich geht, können nicht nur die Gefühle, sondern auch die Situation aus deren Perspektive betrachten sowie nachempfinden und damit deren Gedanken auf einer rationalen Ebene erfassen. Diese Form der Empathie entspricht dem psychologischen Konzept der ‚Theory of Mind‘.8
Die soziale Empathie beschreibt hingegen die Fähigkeit, das Verhalten und die Interessen von ganzen Gruppenverbänden zu verstehen. Dabei variieren diese Gruppengrößen, können etwa die Familie, Sportvereine oder ein Unternehmen, aber ebenso andere soziale Schichten bis hin zu fremden Kulturen umfassen.9 Gerade diese Form der Empathie erweist sich jedoch als Herausforderung, denn „Empathie spielt sich primär in kleinen Gruppen ab, also der Familie, in Teams, natürlich auch in Paarbeziehungen“10, wie Fuchs erklärt. „Die Erweiterung der Empathie auf alle Menschen ist nicht selbstverständlich, da ihr Erfahrungen von Fremdheit, also Irritation, Misstrauen oder Fremdenangst entgegenstehen“11, wie er ausführt. Und Untersuchungen bestätigen: Unsere Vorurteile erschweren bzw. verhindern ein intuitives Erfassen der Emotionen von Menschen anderer bzw. fremder Gruppen, weswegen Empathie vorrangig in vertrauten sozialen Verbänden gegeben ist.12
Zu viel oder zu wenig Empathie?
Entfernten sozialen Verbänden nun jedoch wenig Empathie entgegenbringen zu können, bedeutet nicht automatisch, dass es grundsätzlich an Einfühlungsvermögen mangelt. Fehlende Empathie ist nämlich keineswegs üblich, kann zum Beispiel auf negative frühkindliche Erfahrungen zurückgeführt werden (Gefühlskälte der Eltern), außerdem im Zuge einer Autismus-Spektrum-Störung auftreten oder bei bestimmten psychischen Krankheitsbildern wie Schizophrenie oder einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung Krankheitssymptom sein. Menschen, die sodann über wenig bis gar keine Empathie verfügen, stehen den Gefühlen der unmittelbaren Mitmenschen eher gleichgültig gegenüber, neigen dazu, egoistisch zu handeln und sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen sowie kein Interesse für die Belange anderer aufzubringen. Einfühlungsvermögen wird nur spärlich gezeigt, vorranging dann, wenn dahinter das Erreichen eines persönlichen Ziels steckt. Somit agieren Menschen mit fehlender Empathie häufig manipulativ. Aufgrund dieser Eigenschaften ist es kaum verwunderlich, dass sich der Aufbau von Freundschaften oder Paar-Beziehungen schwierig gestaltet, falls solche sozialen Verbindungen überhaupt eingegangen werden.13
Im Gegensatz dazu gelten Menschen mit ausgeprägtem Einfühlungsvermögen als rücksichtsvoll und achtsam den Mitmenschen gegenüber und haben ein gutes Gespür für deren Stimmung. Sie sind als aufmerksame Zuhörer*innen bekannt, außerdem hilfsbereit und kooperativ, dabei wenig streitlustig. Alles in allem werden empathische Menschen als sympathisch wahrgenommen, aber auch hier kann ein Zuviel nachteilig sein, sogar die psychische Gesundheit negativ beeinflussen: „Wir sprechen dann von personal distress, also eine Art Stress oder Burn-Out, den Empathie erzeugen kann“14, warnt die an der Universität Würzburg tätige Professorin für Translationale Soziale Neurowissenschaften Grit Hein. In diesem Fall nehmen sich Betroffene die Gefühle anderer zu sehr zu Herzen und können sich von diesen nicht mehr distanzieren. Das Abgrenzen von ebendiesen Gefühlen – diese Fähigkeit wird als Ekpathie bezeichnet –, die eigentlich nicht den eigenen entsprechen, wird also notwendig. Hein rät zu individuellen Stressbewältigungstechniken und zu Selbstfürsorge: „Wenn es mir selbst gut geht, wenn ich stressresistent bin, dann kann ich auch mit dem Leid anderer gut umgehen. Dann kann ich mitfühlen, ohne dass es mich überfordert“15.16
Empathisch mit Maß und Ziel
Einem Zuviel an Einfühlungsvermögen muss also entgegengewirkt werden, indem die Gefühle des Gegenübers nicht zu den eigenen werden. Aber wie sieht es mit einem Zuwenig an Empathie aus? Lässt sich mangelndes Einfühlungsvermögen antrainieren, sofern dieses nicht Merkmal eines psychischen Krankheitsbildes ist? Ja, sagen Expert*innen, und zwar mithilfe der folgenden Tipps:17
- Sich selbst gegenüber aufmerksam sein
In sich selbst hineinzuhören und die eigenen Gefühle klar zu benennen, schult die Fähigkeit, sich in andere besser einfühlen zu können. - Anderen gegenüber aufmerksam sein
Sich auf das Gegenüber konzentrieren, auf Gestik und Mimik achten und Fragen stellen – aufmerksames Zuhören schult jedenfalls das Einfühlungsvermögen. - Vorurteile ablegen
Begegnen wir dem Gegenüber vorurteilsfrei, dann fällt es leichter, sich einzufühlen. - Andere Blickwinkel einnehmen
Auch zu versuchen, die Perspektive zu wechseln, sich in die Lage der Gesprächspartnerin*des Gesprächspartners hineinzuversetzen, hilft dabei, die Empathie zu schulen. - Selbstfürsorge
Wie bereits erwähnt – bei aller Empathie darf auf die eigene Gefühlswelt und die individuellen Bedürfnisse nicht vergessen werden. Bemerkt man, dass negative Gefühle zu Stress und Unruhe führen, müssen diese subjektiven Grenzen akzeptiert und kommuniziert werden.
Grundlegend ist jedoch festzuhalten, dass Empathie immens wichtig ist, um Teil eines sozialen Gefüges zu sein. Fuchs spricht sogar von einer „großartige[n] menschliche[n] Fähigkeit“18: „Wir sind […] durch zwischenleibliche Resonanz so miteinander verbunden, dass ein wechselseitiges Verständnis auch ohne Worte möglich ist“19. Es lohnt sich also jedenfalls, das Einfühlungsvermögen laufend zu schulen, um einerseits die fremde Gefühlswelt besser zu verstehen und interpretieren zu können und um andererseits den Zugang zu den eigenen Emotionen zu intensiveren, was nicht zuletzt insbesondere das psychische Wohlbefinden fördert.
1 Ackermann, Susanne: „Empathie ist so etwas wie der Klebstoff“. In: psychologie-heute.de. Veröffentlicht am 18.07.2025.
URL: https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/44354-empathie-ist-so-etwas-wie-der-klebstoff.html [Stand: 11.11.2025].
2 Ackermann, Susanne: „Empathie ist so etwas wie der Klebstoff“.
URL: https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/44354-empathie-ist-so-etwas-wie-der-klebstoff.html [Stand: 11.11.2025].
3 Vgl. Ackermann, Susanne: „Empathie ist so etwas wie der Klebstoff“.
URL: https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/44354-empathie-ist-so-etwas-wie-der-klebstoff.html [Stand: 11.11.2025].
4 Vgl. Ackermann, Susanne: „Empathie ist so etwas wie der Klebstoff“.
URL: https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/44354-empathie-ist-so-etwas-wie-der-klebstoff.html [Stand: 11.11.2025].
5 Ackermann, Susanne: „Empathie ist so etwas wie der Klebstoff“.
URL: https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/44354-empathie-ist-so-etwas-wie-der-klebstoff.html [Stand: 11.11.2025].
6 Ackermann, Susanne: Was ist Empathie, Herr Kanske? In: psychologie-heute.de. Veröffentlicht am 07.04.2021.
URL: https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/41121-was-ist-empathie-herr-kanske.html [Stand: 11.11.2025].]
7 Ackermann, Susanne: Was ist Empathie, Herr Kanske?
URL: https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/41121-was-ist-empathie-herr-kanske.html [Stand: 11.11.2025].]
8 Vgl. Stapel, Helmut: Wie sich Empathie erlernen lässt und weshalb die Fähigkeit so wichtig ist. In: geo.de Veröffentlicht am 10.08.2023.
URL: https://www.geo.de/wissen/empathie-lernen–wie-wir-mitfuehlender-werden-33707242.html [Stand: 11.11.2025] und
vgl. Luerweg, Frank: Empathie: Definition, Merkmale und Ausprägungen. In: psychologie-heute.de. Veröffentlicht am 10.08.2022.
URL: https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/42084-empathie-definition-merkmale-und-auspraegungen.html [Stand: 11.11.2025].
9 Stapel, Helmut: Wie sich Empathie erlernen lässt und weshalb die Fähigkeit so wichtig ist.
URL: https://www.geo.de/wissen/empathie-lernen–wie-wir-mitfuehlender-werden-33707242.html [Stand: 11.11.2025] und
vgl. Luerweg, Frank: Empathie: Definition, Merkmale und Ausprägungen.
URL: https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/42084-empathie-definition-merkmale-und-auspraegungen.html [Stand: 11.11.2025].
10 Ackermann, Susanne: „Empathie ist so etwas wie der Klebstoff“.
URL: https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/44354-empathie-ist-so-etwas-wie-der-klebstoff.html [Stand: 11.11.2025].
11 Ackermann, Susanne: „Empathie ist so etwas wie der Klebstoff“.
URL: https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/44354-empathie-ist-so-etwas-wie-der-klebstoff.html [Stand: 11.11.2025].
12 Vgl. Ackermann, Susanne: „Empathie ist so etwas wie der Klebstoff“.
URL: https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/44354-empathie-ist-so-etwas-wie-der-klebstoff.html [Stand: 11.11.2025].
13 Vgl. Luerweg, Frank: Empathie: Definition, Merkmale und Ausprägungen.
URL: https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/42084-empathie-definition-merkmale-und-auspraegungen.html [Stand: 11.11.2025],
vgl. Abler, Birgit: Theory of Mind: Eine unerlässliche Fähigkeit. In: Deutsches Ärzteblatt PP 9/2007, S. 430.
Online abrufbar unter https://www.aerzteblatt.de/archiv/pdf/f066b8fa-3084-461a-8bbc-1492c37f0dec [Stand: 11.11.2025].
14 Gierlinger, Marisa: So wichtig ist unser Einfühlungsvermögen. In: ardalpha.de. Veröffentlicht am 12.04.2023.
URL: https://www.ardalpha.de/wissen/psychologie/empathie-einfuehlungsvermoegen-mitgefuehl-emotion-psychologie-neurobiologie-gehirn-100.html [Stand: 11.11.2025].
15 Gierlinger, Marisa: So wichtig ist unser Einfühlungsvermögen.
URL: https://www.ardalpha.de/wissen/psychologie/empathie-einfuehlungsvermoegen-mitgefuehl-emotion-psychologie-neurobiologie-gehirn-100.html [Stand: 11.11.2025].
16 Vgl. Luerweg, Frank: Empathie: Definition, Merkmale und Ausprägungen.
URL: https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/42084-empathie-definition-merkmale-und-auspraegungen.html [Stand: 11.11.2025] und
vgl. Reinberger, Stefanie: Die Neurobiologie des Mitfühlens. In: dasgehirn.info. Veröffentlicht am 30.11.2011.
URL: https://www.dasgehirn.info/denken/im-kopf-der-anderen/die-neurobiologie-des-mitfuehlens?gclid=EAIaIQobChMIhMz81NL87AIVkql3Ch2biARUEAAYASABEgIIT_D_BwE [Stand: 11.11.2025].
17 Luerweg, Frank: Empathie: Definition, Merkmale und Ausprägungen.
URL: https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/42084-empathie-definition-merkmale-und-auspraegungen.html [Stand: 11.11.2025].
18 Ackermann, Susanne: „Empathie ist so etwas wie der Klebstoff“.
URL: https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/44354-empathie-ist-so-etwas-wie-der-klebstoff.html [Stand: 11.11.2025].
19 Ackermann, Susanne: „Empathie ist so etwas wie der Klebstoff“.
URL: https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/44354-empathie-ist-so-etwas-wie-der-klebstoff.html [Stand: 11.11.2025].
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Veröffentlicht am: 26.11.2025